Elisabeth Raffauf

Diplompsychologin



CHRISMON-Buchrezension: Elisabeth Raffauf „Das können doch nicht meine sein.“


Gelassen durch die Pubertät.

„Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst . . .“ Das würden viele Eltern gern sagen, manche tun es auch — allein, es nützt nichts. Die Pubertät ist eine harte Probe, für Eltern wie für Jugendliche. Einerseits wollen die Jugendlichen schon als Erwachsene behandelt werden und fordern dies mit wirklich allen Mitteln ein. Andererseits sind sie es aber noch nicht, aller zur Schau gestellten Überheblichkeit und allen schnoddrigen Antworten zum Trotz. Den Jugendlichen zu helfen, selbständig zu werden und ihnen trotzdem Halt zu geben, das erscheint wie die Quadratur des Kreises.

Was trotzdem möglich ist, damit es wenigstens gelegentlich zu Hause wieder wie zu Hause ist, das zeigt Elisabeth Raffauf in ihrem Ratgeber anhand vieler Beispiele aus ihrer Erfahrung: Die Diplom-Psychologin leitet unter anderem Gruppen für Eltern pubertierender Jugendlicher an einer Erziehungsberatungsstelle.

Die Autorin unterbreitet keine Patentrezepte, aber sie weckt durch einfühlsame Erklärungen das Verständnis für das Verhalten von Jugendlichen. Und schon dieses Verständnis kann Eltern gelassener machen. Denn, Hand aufs Herz, wer will selbst noch mal 16 sein? Wer will noch einmal all diese fürchterliche Traurigkeit durchmachen? Schließlich ist es ein herzzerreißender Abschied, den die Jugendlichen durchstehen müssen, dieser Abschied von der Kindheit. Und auch das noch mal zur Erinnerung: Jugendliche haben während der Pubertätszeit meist viele Chancen, aber sie müssen auch viele Niederlagen hinnehmen. Neue Beziehungen sind nicht unbedingt beständig, Enttäuschungen an der Tagesordnung. In dieser Übergangsphase ist man verletzlich. Und rabiat.

Trotzdem müssen Eltern einsehen, dass sie wichtige Erfahrungen, die sie selbst gemacht haben und ihren Kindern gerne ersparen würden, diesen nicht ersparen können: „Wenn ich spät nach Hause komme und wenig schlafe, dann schlafe ich in der Schule ein.“ „Und wenn ich mir die falschen Freunde aussuche, ist die Enttäuschung vorprogrammiert.“ Das muss man alles selber erfahren, um es dann auch zu wissen.

Natürlich müssen Regeln sein. Eltern wollen schließlich auch leben in ihrem Zuhause. Aber vielleicht sollte man flexible Grenzen aushandeln: „Heute warst du eine halbe Stunde zu spät, dann kommst du morgen eine halbe Stunde früher.“ So was nennt man ein Zeitkonto. Diese Regelung ist für Jugendliche nachvollziehbarer als die eine Woche Ausgangssperre als Strafe fürs Zu-spät-nach-Hause-Kommen.

Flexibel sollte man auch sein, was Gesprächsangebote angeht. Das Mittagessen ist jedenfalls nicht gerade die beste Gelegenheit für ein Gespräch. Auf ein „Na, wie war es in der Schule?“ kriegt man eher ein „Kann man hier nicht mal in Ruhe essen“ um die Ohren gehauen. Hilfreicher ist es, nach „offenen Türen“ Ausschau zu halten, Gelegenheiten schaffen, die ungestörtes Plauern fördern. Aber bitte: Eltern sollten ihre Kinder nicht dauernd belauern.

Wie schrieb schon die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach: „Unsere Kinder brauchen unsere Liebe dann am nötigsten, wenn sie sie am wenigsten verdient haben.“
CHRISTINE HOLCH

Raffauf, Elisabeth:
Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2000. 128 Seiten
DEM 22,00
EUR 11,25