Elisabeth Raffauf

Diplompsychologin



Presse: Welt am Sonntag, 14.12.2003, Nr.50

»Was ist eigentlich Orakelsex?«

Vertrauen ist der Anfang von allem: Die Kölner Psychologin Elisabeth Raffauf schreibt Bücher über die Liebe. Wie Kinder sie erleben – und welche Fehler Erwachsene bei der Aufklärung meiden sollen.
Zum nahenden Fest der Liebe sei hier eine etwas andere Geschichte der Liebe erzählt, eine Geschichte der kindlichen Verzagtheiten, der Scham, der Unsicherheit und vor allem der Neugier. Im Mittelpunkt steht die ewig aktuelle, im Medienzeitalter mit seiner nicht immer zartfühlenden und nicht immer ganz sexfreien Bilderflut vielleicht sogar noch etwas aktueller gewordenen Frage, wie man heranwachsenden Menschen erklärt, was Liebe ist. Und wie aufgeklärt eigentlich die so genannten Erwachsenen sind.
Elisabeth Raffauf würde nie behaupten, zu wissen, was Liebe ist. Aber sie schreibt – über Erziehung, Pubertät, alltägliche Katastrophen und über Liebe. Inzwischen sind es so viele Bücher, dass sie, aneinander gelegt, den Boden eines Laufstalls bedecken könnten. Elisabeth Raffauf, 43, geboren in Hagen, zu Hause in Köln, probierte in jungen Jahren Konsumgüter, die es nicht in Reformhäusern zu kaufen gibt, flüchtete von zu Hause und tat vieles mehr, um als Erwachsene zu wissen, dass die Pubertät eine verdammt heikle Zeit sein kann. In Psychologie legte sie ihr Diplom ab mit einer Arbeit über den „Besuch beim Frauenarzt“. Seither verschreibt sie sich der Arbeit an der Aufklärung. 1994 verfasste sie mit Christel Bossbach ihr erstes Buch, das Mädchenbuch Liebe, Sex und noch viel mehr – Für Mädchen, die es wissen wollen (Südwest Verlag, vergriffen). Unter anderem erschien zudem 2000 Das können doch nicht meine sein – Gelassen durch die Pubertät (Beltz Verlag, 11,90 Euro) und zuletzt 2003 Was ist Liebe? Sexualerziehung in der Familie, Beltz, 12,90 Euro) – ein Erwachsenenbuch, in dem auch zu lesen steht, wie sich andere Erwachsene an die Umstände ihrer Aufklärung erinnern. Falls es sie denn gab und sie mehr ist als ein Mythos.

Ja, was bloß ist Liebe? Oder, im unvergleichlich plastischeren Jargon der Kinder ausgedrückt: Wie geht Liebe? Wie geht Verliebtsein?
Eine menschenalte Frage. Zwar überkommt den Medienkonsumenten heute leicht das Gefühl, dass immer mehr junge Leute immer früher sexuelle Erfahrungen suchten und nichts wichtiger sei. Dem entspricht aber keine Wirklichkeit, weder in der Jugend- noch in der Kinderwelt. Daher kann auch einer wie der Bücherschreiber und Filmemacher Oswalt Kolle, einst „Aufklärer der Nation“, heute Fragen nach zeitgemäßer Aufklärung mit der Bemerkung wegbürsten, es habe sich gar nichts geändert. „Liebe“, sagt wiederum Elisabeth Raffauf, „ist für Kinder viel wichtiger als Sex.“ Was etwa Onanie sei, ließe sich „mit zwei, drei Sätzen erledigen“. Nicht aber, wie Verliebtsein geht, was Schmetterlinge im Bauch zu suchen haben, warum Gesichter erröten. Seit drei Jahren betreut die Psychologin jeden zweiten Montagnachmittag die Rubrik Herzfunk im Kinderradioprogramm Lilipuz auf WDR 5. Viertklässler stellen darin Fragen, die Gleichaltrige beantworten, denn „nichts ist für Kinder interessanter“, sagt Elisabeth Raffauf, „als das, was Kinder sagen“. Zu Fragen wie: „Was ist ein Hurensohn?“ „Warum sind Jungs stärker als Mädchen?“ „Wie geht Küssen?“ „Wie war der Sex in der Steinzeit?“ „Was ist eigentlich Orakelsex?“ Kinder, sagt Raffauf, verheiratete Mutter eines Mädchens und eines Jungen, seien Forscher und Entdecker. Ihre vorbehaltlos neugierige Sicht auf die Liebeswelt ist nicht jedem erfahrungsbelasteten Erwachsenen zugänglich. Was ihm das Finden kindgerechter Antworten erschwert. Und deshalb schrieb Raffauf zuletzt Was ist Liebe?“, das Buch für Erwachsene. Deren Aufklärungsbedarf im Umgang mit Kindern, zumal pubertierenden, sei „mit Sicherheit groß“. Das Mädchenbuch von 1994 hätten nicht nur Mädchen, sondern auch Eltern gelesen. Wobei auch dieses Buch selbstredend nicht das Generalrezept liefert, wie sich zu Hause eine Atmosphäre des Vertrauens, des wechselseitigen Sich ernst nehmendes schaffen lässt, in der Heranwachsende nach der Schule nicht vors Computerspiel fliehen, sondern erzählen. Denn nur das zähle, sagt die Psychologin: Vertrauen. Hätten im übrigen Eltern Hemmungen, mit ihren Kindern Intimes zu bereden, dann sollten sie es mit befreundeten Erwachsenen üben. „Sexualerziehung“, sagt Raffauf, eine klassische Aufklärermaxime bestätigend, „ist Selbsterziehung.“ Ein bewusster Umgang mit den Schamgefühlen junger Leute setzt ein Bewusstsein für die eigenen Erfahrungen mit Scham voraus.

An Stoff für weitere Bücher dürfte es der Kölnerin so schnell nicht mangeln. In einer Erziehungsberatungsstelle in Euskirchen betreut sie Gruppen für Eltern pubertierender jugendlicher sowie für Kinder. Aus den Erfahrungen mit den Eltern ging das Buch Das können doch nicht meine sein hervor. Wenn aus den Gesprächen mit den Kindern ein weiteres entsteht, so wie Raffauf es plant, dann bitte anschnallen, liebe Eltern. Die Erziehungsberaterin berichtet von Aggressivität, gelegentlichen Selbstmorddrohungen und einem Mädchen, das angab, sich den Arm aufzuritzen. Die Reaktion der anderen Mädchen? „Ja klar, mach ich auch!“ Da war selbst die Psychologin entsetzt. Eine schöne Geschichte der Liebe würde ein solches Buch freilich nicht.

Erwachsene erinnern sich
Aufklärung – ein weites Feld. In Elisabeth Raffaufs jüngstem Buch Was ist Liebe? erinnern sich Erwachsene, wie sie ES erklärt bekamen. Oder auch nicht. Beispiele:
„Als ich meine Eltern fragte, woher die Kinder kämen, wurden sie rot.“ Ein paar Tage später gab mir mein Vater eine Broschüre mit dem Titel: Von der Reinheit des Leibes und der Seele‘. Als ich diese Schrift gelesen hatte, war ich so dämlich wie zuvor.“
„Das Einzige, was ich noch in Erinnerung habe, war, dass meine Tante mir sagte: Also die Kinder, die wachsen bei der Mutter im Bauch‘. Das war die Aufklärung.“
„Ich habe viel aus der Bravo erfahren. Ein paar Sachen hat mir eine Freundin erklärt.“