Elisabeth Raffauf

Diplompsychologin



Presse: Stern 7/2004, 5.2.2004

Bedrängen Sie Ihre Kinder nicht. Reden über Sexualität ist nicht immer einfach. Wichtigste Regel für Eltern: Nerven Sie den Nachwuchs nicht! Die Sexualtherapeutin Elisabeth Raffauf sagt, wie’s richtig geht.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, mein Kind aufzuklären?
Aufklärung oder Sexualerziehung sind keine einmalige Angelegenheit, sondern ein fortlaufender Prozess. Wenn zu Hause ein vertrauensvolles Klima herrscht, Eltern nicht über Ängste und Sehnsüchte ihrer Kinder lachen, wenn Kinder Fragen stellen dürfen, ohne dass ihnen signalisiert wird, dass Körper und Sex tabu sind, dann werden sie selbst früh Fragen stellen: „Mama, warum haben Mädchen eine Scheide?“ oder: „Wann bekomme ich einen Pimmel?“ Eltern sollten bedenken, dass Kinder oft schon mit einer kurzen Antwort zufrieden sind. Sie wollen keine Vorträge.

Gibt es eine richtige „Methode“, das Kind aufzuklären?
Es ist ja nicht so leicht, über Sexualität zu reden wie über einen Beinbruch. Schließlich geht es um eine sehr intime Angelegenheit. Zudem sind wir ja auch alle Kinder unserer eigenen Sexualerziehung. Manche Eltern sagen: „Ich kann nicht gut darüber reden“ und schauen sich lieber ein Buch mit den Kindern an. Auf jeden Fall sollte man keinen Rundumschlag machen. Kinder schalten bei einem „Alles über“ auf Durchzug. Aufklärung ist ein Prozess, in dem immer wieder – in jedem Alter! – anders über Körper, Liebe und Gefühle gesprochen wird. Eltern sollten auf Fragen eingehen, aber umgekehrt auch ansprechen, wenn ihnen selbst etwas auf dem Herzen liegt. Wichtig ist, sensibel dafür zu sein, wie das Kind es aufnimmt. Im Zweifel: Fragen Sie nach!

Was soll ich tun, wenn ich mein Kind aufklären will, es aber abweisend reagiert?
Kinder brauchen die Gewissheit, dass sie zu Hause mit ihren Sorgen landen können. Für Eltern heißt das: sich offen halten für das, was die Kinder besprechen wollen, sie aber nicht bedrängen: Auf jeden Fall sollten Eltern die Grenzen, die Kinder signalisieren, ernst nehmen. Gerade ältere Kinder wollen nicht mehr unbedingt mit den Eltern über Sexualität sprechen.

Sollten grundsätzlich Väter Ihre Söhne und Mütter die Töchter aufklären?
Nein. Es gibt sicher Fragen, die Väter mit ihren Söhnen besser besprechen können und umgekehrt. Aber es sind nicht immer beide Elternteile verfügbar, und wenn ein Mädchen zum ersten Mal seine Tage bekommt, und nur der Vater da ist, dann ist das eben so. Der, dem es leichter fällt, über Sex zu reden, sollte den Anfang machen.

Kindern ist es doch eher peinlich, mit den Eitern über Sex zu reden…
Es kommt darauf an, wie zu Hause damit umgegangen wird. Kleine Kinder sind Entdecker. Sie haben Wissensfragen, was den eigenen Körper und den des anderen Geschlechts angeht. Ältere Kinder und jugendliche können oft über die Menstruation und das Kinderkriegen sprechen, nicht aber darüber, in wen sie verliebt sind. Eltern sollten sensibel sein.

Wie soll ich reagieren, wenn meine 13-jährige Tochter plötzlich bauchfreie Tops trägt und sich auffällig schminkt?
Eltern sollten ihre Haltung dazu äußern und unbedingt in der Ichform sprechen: „Ich finde das nicht gut.“ Nicht sagen: „Du siehst aber aus wie eine Nutte“. Das ist verständlicherweise nicht sehr vertrauensbildend.

Was tun, wem mein Sohn sich am dem Internet Pornos runterlädt? Auch ansprechen?
Unbedingt. Fragen Sie Ihren Sohn, was er wissen möchte, und sprechen Sie auch hier wieder Ihre Meinung dazu aus. Kinder sollten wissen, wie die Eltern dazu stehen.

Meine Tochter will, dass ihr Freund bei ihr übernachtet. Muss ich das erlauben?
Wenn Ihnen dabei mulmig ist, ganz klar nein.

Soll ich für sie einen Termin beim Frauenarzt machen oder ihr die Pille gleich aufs Kopfkissen legen – oder dem Sohn eine Packung Kondome?
Nein. Wenn Sie sich Sorgen machen über Verhütung und ungewollte Schwangerschaft, sollten Sie mit ihrer Tochter oder Ihrem Sohn darüber reden und Ihre Unterstützung anbieten. Ob Ihre Tochter zum Frauenarzt gehen möchte und mit wem, sollten Sie ihr überlassen. Aber Sie können ihr anbieten, dass Sie mitgehen würden, wenn sie es wünscht. Eine Packung Kondome auf dem Kopfkissen halte ich für übertrieben. Das ist den Kindern in der Regel mehr als peinlich. Halten Sie sich gesprächsbereit.

Sex ist längst kein Tabu mehr. Sex Ist überall: Im Fernsehen, Im Kino, in Songtexten. Wie vermittle Ich meinem Kind, dass Sex auch etwas mit Liebe zu tun hat?
Vor allem durch ein liebevolles Klima zu Hause. Auch über Geschichten, die mit Liebe zu tun haben. Erzählen Sie von Ihrer eigenen ersten Liebe! Das heißt nicht, dass Eltern Details ihrer eigenen Sexualität erzählen sollen. Das wollen Kinder nicht wissen – und geht sie auch nichts an. Aber man kann schon von Erfolgen und Misserfolgen reden.

Das klingt sehr nach heiler Welt: Weißt du, wie das mit mir und Papa war…?
Mag sein, aber Ihr Kind wird zuhören. Erklären Sie auch, dass die meisten Menschen sich über Sex lustig machen oder abwertende Ausdrücke benutzen, weil sie nicht wissen, wie sie anders darüber reden sollen. Oder weil sie das Zeigen von Gefühlen mit Schwäche verwechseln. Der „Sex auf allen Kanälen“ fordert Eltern mehr als früher, ihren Kindern Hilfestellung zu geben. Sie müssen helfen, das, was sie sehen und hören, einzuordnen. Sie brauchen eine Brücke, denn natürlich fragen sich die Kinder: „Was hat das alles mit mir zu tun?“
INTERVIEW: ANDREA SCHAPER